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Tischfussball in der JVA

2011-03-19
von Glocker Patrick - Email:mail@handspiel.de

2006 lernte ich auf meiner Mission als Nationalspieler bei dem ein oder anderen Firmenevent Justizvollzugsbeamte aus Bielefeld kennen. In dem ein oder anderen Gespräch über Tischfussball entstand die Idee in einer JVA ein Tischfussballturnier für „Einheimische“ anzubieten. Ein halbes Jahr später wurde das Vorhaben in der JVA Bielefeld Brackwede realisiert und ich wurde als Gast eingeladen. Die Sache wurde sehr dankbar angenommen und das Erlebnis in einer anderen Welt hinter gesiebter Luft war für mich persönlich sehr nachhaltig.
Zurück im Saarland lief mir Timo Klaumann vom TFC Heusweiler über den Weg, von dem ich wusste, dass er ebenfalls den Beruf des Juistizvollzugsbeamten in der JVA in Saarbrücken ausübt. Brandheiss wurde er mit meinen Geschichten und Erlebnissen von meinem Tischfussballturnier hinter Gittern traktiert. So entstand die Idee, was Ähnliches in der JVA Saarbrücken zu veranstalten.

Natürlich bedarf es eine etwas anderer Vorbereitung bei der Umsetzung eines solchen Turniers in einer JVA, als wenn man es in einer Gaststätte austrägt. Vor ca 2 Monaten kam dann von Timo das OK und wir gingen das außergewöhnliche Projekt an. Naja, nicht wir, sondern Timo musste natürlich hausintern die Vorbereitungen treffen. Vom STFV wurden die 3 Karlsbergtische in die JVA geliefert und auch die Turniersoftware musste im Vorfeld auf dem Hauseigenen Laptop installiert werden.

Die Vorbereitungen liefen perfekt und einem Tischfussballturnier der besonderen Art sollte am 19.02, ein Tag nach Saisonstart, nichts mehr im Wege stehen. Trotzdem sollte Timo noch eine schlaflose Nacht bevorstehen, und das nicht wegen des 12:12 Unentschieden seines TFC Heusweiler gegen FriBi.

Der Grund war mein Personalausweis. Unter der Woche kam von Timo eine Nachricht auf mein Smartphone, mit dem Hinweis, den Personalausweis nicht zu vergessen. Etwas überheblich antwortete ich:“ Den hab ich immer dabei – brauche ich für Sofia auch. Freitags wollte ich dann doch mal meinen Personalausweis bereit legen und musste leicht irritiert feststellen, dass ich ihn nicht finde. Nach dem der komplette Kleiderschrank durchforstet war, musste ich die Suche abbrechen und mich zum Ligaspiel auf machen.

Meine erste Nachricht an Timo war SOS – SOS – SOS. Das empfand Timo noch als Witz. Doch als ich ihm von meinem nicht gefundenen Personalausweis erzählte wurde er so richtig blond im Gesicht. Abdecken konnte er an diesem Abend auch nicht mehr. Olaf hatte leichtes Spiel und erzielte 5 Tore von hinten gegen ihn. Eine kurze Nacht später am nächsten Morgen klappte es dann mit dem Reisepass und wir schafften es dort rein zu kommen, wo es viele Menschen über Jahrhunderte versuchten heraus zu kommen, ins Gefängnis, um ein außergewöhnliches Tischfussballturnier auszurichten.

Nach dem Aufbau der Tische und der Turnierleitung kamen die Teilnehmer um 9h in die Sporthalle der JVA Saarbrücken. 18 Doppel waren gemeldet. Der ansässige Sportverein bot den Tischfußballern Speis und Trank an. Pommes mit Geflügelwiener und Coca Cola waren zu humanen Preisen für die Gefangenen eine willkommene Alternative zum Gefängnisessen.

Bei 18 Doppel bot sich eine Gruppenphase mit 2 Vierer-, und 2 Fünfergruppen als Vorrunde an. Danach Viertelfinale KO. Der Vorteil eines Gefägnisturniers zu einem Turnier in Kneipen und Gaststätten ist, dass man niemand von der Theke oder vom Pokertisch weg reißen muss, damit er endlich sein Spiel absolviert. Die Spieler warteten eher sehnsüchtig auf den Aufruf zum Spielen und kamen diesem auch unverzüglich nach. So verlief die Vorrunde sehr schnell, so dass die Teilnehmerzahl der Ko-Runde von 8 auf 16 verdoppelt werden konnte. Die Bedenken von Timo, dass 3 Tische evtl. zu wenig sein könnten ließen nach und der glatte Turnierverlauf ließ ihn auch langsam etwas lockerer werden.

Zwischen Vor- und KO-Runde wurde das Mittagessen eingenommen und nicht nur beim gemeinsamen Essen kam ein netter und offener Erfahrungsaustausch mit Menschen zu Stande, die ganz banal gesagt, in ihrem Leben vielleicht nur einmal einen schlechten Tag erwischten. Manch einer hat nur noch ein paar Monate ab zu sitzen. Für andere ist die Freiheit in ganz weite Ferne gerückt. Beim Tischfussball waren sie allerdings alle gleich. Gleich, aber nicht gleich gut. So trennte sich spätestens im Viertelfinale die Spreu vom Weizen und der Ehrgeiz und das Niveau machte die Partien immer spannender. Timo musste, genau wie ich die ein oder andere Partie leiten. Im Finale sah ein ehemaliges Mitglied des TFC Illingen dann schon als sicherer Sieger aus, doch das Doppel hatte nach gewonnenen ersten Satz bei 5:1 Führung Probleme den Matchball zu verwandeln. So ging es in den 3.Satz der dann doch an den Illinger ging. Gegner im Finale war ein türkischer Landsmann. Er erinnerte mich an einen berühmten Tischfußballer. Der Mann kämpfte, war emotional voll dabei, und wenn er verlor, gab er seinem Partner die Schuld. Aber nach der netten Siegerehrung hatten sich alle wieder lieb. Das Turnier wurde in der breiten Masse sehr positiv angenommen und der Ablauf könnte man in diesem eher kleinen Rahmen als perfekt bezeichnen.

Für mich persönlich war dieser halbe Tag wieder eine Erfahrung fürs Leben, mit Momenten und Eindrücken, die mich heute und in Zukunft weiter beeindrucken und beschäftigen werden. Ich bedanke mich bei Timo Klaumann und Herrn Taffner, dass ich diese Erfahrungen machen durfte. Und wenn ich den Teilnehmern dieses Turniers etwas wünschen darf, dann dass, wenn sie in ihrem Leben irgendwann mal eine faire Chance bekommen, in einen geregelten freien Alltag zurück kehren können, und sie es schaffen diese zu nutzen. Tischfussball in einem Team, einem Verein, in einem Verband kann dazu vielleicht auch einen ganz kleinen Teil beitragen.



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