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Die Mitte ist das Problem

2011-06-05
von Glocker Patrick - Email:mail@handspiel.de

Das erste große internationale Turnier, das WCS in Paris, nach der Einführung des Bonzini im Saarland, ist Geschichte. Und für den STFV kommen unterschiedlich interpretierbare Ergebnisse mit zurück in die Heimat. Bei den Senioren konnten Wolfgang Lawall und Josef Cornelius ihren Titel nicht verteidigen und mussten sich im Finale ihren Teamkollegen aus der Nationalmannschaft Ulli Stoepel und Frida Kircher geschlagen geben. Trotzdem ist der 2.Platz natürlich auch eine beachtliche Leistung, wie auch der 2.Platz von Eckhard Kauth bei den Senioren. Diese Platzierung ist nun aber absolut und ausnahmslos der Entscheidung der GV 2011 zu zuordnen. Für Kauth war es das erste ITSF-Turnier und das Erlebte wird auch sicher bei ihm seine nachhaltige Wirkung nach sich ziehen.

Im offenen Einzel hielt Mehmet Kosar die Fahnen für das Saarland hoch. Mit dem erreichen des Achtelfinale war er nicht nur bester Saarländer sondern auch hinter Ruben Heinrich zweitbester Vertreter des DTFB. Genau das gleiche Ergebnis, wie Kosar erreichten Stephan Schmidt und Franco Lupusella. Auch sie waren beste Saarländer im offenen Doppel und zweitbeste Deutsche Vertreter. Für eine Nominierung in die Nationalmannschaft reicht es für Schmidt und Kosar allerdings trotzdem nicht, obwohl sie in ihren Mannschaften, ob Saarlandauswahl, Bundesliga , Saarlandliga und auch in frühreren Zeiten Nationalmannschaft immer Top-Leistungen als Teamspieler zeigten. Statt dessen werden in Paris jährlich Bonzini-Exoten nominiert, für die einem als Insider jegliches Verständnis fehlt und man eigentlich zum dem Entschluss kommen muss, dass eine Nominierung in die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr über den Spielbetrieb des DTFB geht, sondern über den Turnierbetrieb von P4P.

Im offenen Doppel sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Holger Mersdorf und Stephan Strässer die Runde der letzten 32, und somit Platz 17. erreichten.

Welche Schlüsse werden aus diesem Turnier gezogen? Unterm Strich besteht höchster Handlung bei der Mittelreihe. Die Gegner in Paris und auf der ganzen Welt können vor jeder Partie immer davon aus gehen, dass sie mehr Bälle auf der 3er Reihe haben werden, als ein saarländischer Gegner. Die Spielweise, wie sie sich im Saarland in fast 50 Jahren entwickelt hat, gibt auf der Mittelreihe nicht mehr her und läßt auch nicht mehr zu. Was aus Flügeln passiert, die nicht benutzt werden, sieht man bei einem Pinguin. Sie verkümmern.

Im Saarland kommen viele Faktoren zusammen, die das weiter entwickelte Spiel auf der Mitte nicht fördern, sondern zudem noch Hemmen. Auf einer Mitte benötige ich 2-3 Pässe, die ich beim Trockentraining mit hoher Geschwindigkeit, aus der Bewegung mit 90-prozentiger Sicherheit passe und greife. Diese Eigenschaft an einem Hansberg mit unrunden Bällen, Grasnarben im Boden und unterschiedlichen Banden anzutrainieren wird schon verdammt schwierig. Kommt man nun an einem fremden Tisch, bei einem Turnier oder Auswärtsspiel, der wiederum seine Eigenarten hat, wird es schon fast unmöglich. Im Wettkampf kommt nun noch dazu, dass der Gegner das Regelwerk des STFV so auslegt, dass er das Spiel auf der Mitte mit kräftigen Schlägen an die Bande zerstören darf, was ein spielerisches Element schon im Keim erstickt. Man ist quasi nur damit beschäft den Ball auf der Reihe nicht zu verlieren. Zudem beginnt das Spiel nach einem Tor beim Hintermann, was die Wertigkeit der Mitte zudem extrem entkräftet. (Als Anmerkung am Rande: Der Beginn nach einem Tor auf der Mitte, wie es das ITSF-Regelwerk vor schreibt, ist international ein Schwachpunkt, da der Hintermann zu wenig am Spiel beteiligt ist. Bestes Beispiel – Halbfinale WM 2011 offenes Doppel. Doppel ist ein etwas entschärftes Einzel. Und bei jedem Gegentor hat man mit nur einem Pass eine weitere Einschussmöglichkeit. Auch hier gibt es Handlungsbedaft)

Diese Umstände bewirkten in 50 Jahren Ligabetrieb im Saarland, dass 60% der Spieler überhaupt keinen Wert auf die Mitte legten und 39% den Ball einfach auf einen Punkt legten und den Ball an der Bande oder im ersten Loch passten. Doch es kommt noch ein weiterer gravierender Umstand hinzu, der es einem Saarländer sehr schwer macht, international dagegen halten zu können. Das Abwehrverhalten ist ein anderes. Es genügt nämlich nicht nur gut passen zu können, man muss auch des Gegners Pässe abpassen können. Und wenn man das Traktieren der Bände gewöhnt ist, steht man im ersten Moment relativ hilflos da, wenn es im Wettkampf auf internationaler Bühne nicht mehr erlaubt ist. Hier ist ein Zusammenspiel von Erkennen des Ansatz, Locken und Abpassen gefragt, dass relativ leicht zu erlernen ist, wenn man eben die Möglichkeit hat, es im Wettkampf unter Druck anzuwenden.

Wenn also die Einführung des Bonzini der erste Schritt im Saarland zum professionellen Tischfussballsport war, dann muß als nächster Schritt eine Regeländerung auf der Mitte her. Abschaffung des Standpasses und des brutalen Abwehren mit Bandenschlägen. Die Bändenschläge sind laut Regelwerk eh schon längst untersagt, was klar im §11 Abs 4 der SPO geregelt ist. Nur dies wird erstens von den Spielern nicht akzeptiert und vom Schiedswesen des STFV nicht kommuniziert und so unterschiedlich umgesetzt, dass es mehr für Verwirrung und Unmut sorgt, als eine gerade Linie dar zu stellen.

Die Mittelreihe ist die nächste große Baustelle, die beim STFV angegangen werden muss, wenn wir uns weiter entwickeln wollen, und das Loch, dass in den letzten 6-8 Jahre entstanden ist, gestopft werden soll. Ob sich dies der Vorstand, das Schiedswesen oder der neu gegründete Sportausschuß auf die Fahnen schreib, sollte umgehend geklärt werden.

Zum Abschluss noch eine Video-Message von Jamal Allalou aus Litauen , die zu einem schmerzfreien Zeitpunkt aufgenommen wurde, und viel Spaß machte. Bitte nicht als arrogant und überheblich werten. Es ist einfach nur ein kurzer Gruß eines Mannes, der auf der Mitte übererdische Fähigkeiten besitzt.



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